Digitalisierung als Lösung für ein überfordertes Bildungssystem?

Diskutierten über die Auswirkungen der Digitalisierung für die Bildung (v. l.): Prof. Dr. Jörn Loviscach (FH Bielefeld), Matthias Vinnemeier (pro Wirtschaft GT), Dr. Jörg Dräger (Bertelsmann Stiftung), Tobias Himmerich (Moderation), Martin Fugmann (Evangelisch Stiftisches Gymnasium Gütersloh) und Albrecht Pförtner (pro Wirtschaft GT).

Veranstaltungsreihe Zukunfts.Kreis.GT diskutierte über die Bildung der Zukunft

Kreis Gütersloh.
Tablet statt Buch, 3D Druck statt Wasserfarbe: Die Zukunft der Bildung scheint digital. Welche Veränderungen in Schule und Hochschule sind möglich und wünschenswert – und wo bleibt das Menschliche? „Wir sind mit der Veranstaltung bewusst in eine Schule gegangen: das Evangelische Stiftische Gymnasium Gütersloh verbindet eine traditionsreiche Geschichte mit einem modernen Unterricht unter Einsatz digitaler Medien im Unterricht“, erklärt Albrecht Pförtner, Geschäftsführer der pro Wirtschaft GT, die die Veranstaltungsreihe ‚Zukunfts.Kreis.GT‘ organisiert. Rund 100 Vertreter aus Bildung, Politik und Wirtschaft waren der Einladung gefolgt und diskutierten kontrovers zur Bildung von morgen.


Dr. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung und ausgewiesener Bildungsexperte gab Einblicke, wie die Digitalisierung Bildung schon heute gravierend ändert und wie wir sie gestalten können, um die Chancen zu nutzen. „Immer mehr Menschen wünschen immer mehr Bildung“, erklärte er die Notwendigkeit eines radikalen Wandels in der Bildungslandschaft. Die Gruppe der Lernenden werde immer heterogener und vielfältiger. Gleichzeitig werden die Bildungs- und Studienmöglichkeiten differenzierter. „Allein in Deutschland gibt es über 19.000 Studiengänge – da braucht es Orientierung.“ Da die Kosten je Schüler in der Vergangenheit stetig stiegen, kommt das Bildungssystem an seine Grenzen. Dräger appelliert, digitale Techniken vermehrt in der Bildung einzusetzen und erläuterte dies an internationalen Beispielen. Dort würden  personalisierte Lehrpläne per Computer erstellt, die Schüler individuell im eigenen Lerntempo bearbeiten. Digitale Vorlesungsinhalte würden für Interessierte weltweit geöffnet und erreichten so eine Vielzahl von Lernenden. „Wir müssen die Technik in den Dienst der Pädagogik stellen. Die Digitalisierung bietet die Chance, dass Pädagogen mehr Zeit fürs Wesentliche, nämlich die individuelle Förderung ihrer Schülerinnen und Schüler, bleibt“, ist Dräger überzeugt.

Auch Martin Fugmann, Schulleiter des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums, ist von dem Mehrwert digitaler Medien im Unterricht überzeugt. Neben Algorithmen brauche die Schule von morgen allerdings deutlich mehr. „Wir brauchen sinnvolle und motivierende Konzepte und aufgeschlossene Lehrkräfte. Digitalisierung macht Pädagogen nicht überflüssig – im Gegenteil. Aber sie kann Lehrkräften helfen, den Unterricht mehr auf das einzelne Kind auszurichten“, ist Fugmann überzeugt. Prof. Dr. Jörn Loviscach, der an der FH Bielefeld Fächer wie Mathematik, Informatik und Windenergie unterrichtet und Autor von über 3000 YouTube-Videos ist, ist deutlich skeptischer: „Digitalisierte Bildungsinhalte bieten als solche keinen nachhaltig höheren Anreiz zum Lernen.“ Digitale Angebote würden insbesondere von Interessierten genutzt, die auch in konventionellen Bildungssystemen gut zurechtkämen. „Wir brauchen einfach guten Unterricht!“, meint Loviscach.